11. Februar 2021

Was du bisher nicht über Saatgut wusstest, aber unbe­dingt wissen solltest

Warum wir in den natürlichen Saatgut-Kreislauf eingreifen, was Saatgutkonzerne damit zu tun haben und welche Auswirkungen das auf die Umwelt hat

Verena Hirsch
Verena Hirsch

Olle Körner? Von wegen! Samen sind wahre Zeit­kap­seln der Natur. Sie tragen alles, was sie für die Ver­meh­rung brauchen, kom­pri­miert und geschützt unter ihrer Hülle. Warum wir trotzdem in diese geniale Erfin­dung der Natur ein­grei­fen, was Saat­gut­kon­zer­ne damit zu tun haben und welche fatalen Aus­wir­kun­gen das auf die Umwelt hat.

Saatgut mit Fülle in der Hülle

Was es mit dem Thema Saatgut auf sich hat, war mir lange über­haupt nicht klar. Wirklich bewusst ist mir dieses Wunder der Natur tat­säch­lich zum erstem Mal beim Sprossen Ziehen geworden: Kleine Samen können in Tro­cken­ru­he teil­wei­se Jahr(zehnt)e lang unver­sehrt gelagert werden. Doch kaum gibt man ihnen Wasser, Licht und Wärme, beginnen sie plötz­lich zu keimen und zu wachsen.

Natür­li­che Frucht­bar­keit ist heute nicht mehr selbstverständlich

Bevor der Mensch begann, Pflanzen nach Plan anzu­bau­en – als vor ca. 10.000 Jahren – hatte die Natur die Ver­meh­rung der Pflanzen selbst gelenkt. Ein Samen­korn fällt auf den Boden und beginnt zu keimen. Daraus wächst eine Pflanze, bildet Blüten und wird bestäubt. Dadurch wachsen im Frucht­kno­ten neue Samen. So entsteht ein Kreis­lauf, der die Pflan­zen­sor­te vor dem Aus­ster­ben bewahrt.

Ein Teil des heutigen Kul­tur­baus ori­en­tiert sich an diesem natür­li­chen Kreis­lauf. Nach der Ernte wird ein Teil der Samen ein­be­hal­ten und im nächsten Jahr als Saatgut wieder aus­ge­bracht. Das funk­tio­niert aber nur, wenn es sich um eine samen­fes­te Sorte handelt. Hier ist dann von nach­bau­fä­hi­gem Saatgut die Rede.

Samen­fes­tes Saatgut: Was Nach­bau­fä­hig­keit ausmacht 

Saatgut ist immer dann samen­fest, wenn aus den Samen eine Pflanze mit den gleichen Eigen­schaf­ten in Gestalt, Geschmack und Gesund­heit, wie die Eltern-Pflanze wachsen kann.Im Rahmen meines BIO-ABCs habe ich bereits erklärt, was es mit samen­fes­tem Saatgut auf sich hat.

Hybrid­saa­ten ver­drän­gen nach­bau­fä­hi­ges Saatgut

Aller­dings führt Saatgut aus Hybrid­züch­tun­gen in eine Sack­gas­se. In der zweiten Genera­ti­on ver­lie­ren sie nämlich bereits die güns­ti­gen Eigen­schaf­ten: Die Erträge fallen weit ab von denen der ersten Genera­ti­on und die Früchte weisen sehr unter­schied­li­che Merkmale auf. Hier fehlt es außerdem an der Nach­bau­fä­hig­keit, sodass die Bauern jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen. Dadurch machen sich Land­wir­tIn­nen abhängig von großen Saat­gut­kon­zer­nen. Hinzu kommt, dass Ein­weg­sa­men auf sie ange­pass­ten Dünger und Pes­ti­zi­de benö­ti­gen. Nur so können sie Hoch­leis­tungs­er­trä­ge bringen. Sie sind von Natur aus über­haupt nicht bestän­dig gegen Krank­hei­ten oder kli­ma­ti­sche Veränderungen.

Ledig­lich vier Konzerne pro­du­zie­ren 60 Prozent des welt­wei­ten Saatguts. 

Quelle: IPES-Food

Hybrid­saat­gut steigert die Macht der Saatgutkonzerne

Die Züch­tungs­bran­che ver­klei­nert sich immer mehr auf wenige große Firmen – darunter Bayer AG mit Monsanto, Chem­Chi­na mit Syngenta, Corteva und BASF. Laut des inter­na­tio­na­len Gremiums für nach­hal­ti­ge Lebens­mit­tel­sys­te­me (IPES-Food) pro­du­zie­ren diese vier Konzerne weltweit über 60 Prozent des ver­trie­be­nen Saatguts und 80 Prozent aller Pes­ti­zi­de. So ver­kau­fen die Saat­gut­kon­zer­ne die exakt zuge­schnit­te­nen Prä­pa­ra­te gleich mit an die Bauern/Bäuerinnen.

Außerdem ver­su­chen sie immer mehr Züch­tun­gen paten­tie­ren zu lassen. Unter den bereits paten­tier­ten Züch­tun­gen sind bei­spiels­wei­se Melonen, Tomaten, Zwiebeln. Durch Hybrid­saa­ten, passende Dün­ge­mit­tel sowie Pes­ti­zi­de und Patenten nimmt die Abhän­gig­keit der Land­wir­tIn­nen immer mehr zu.

Warum Hoch­leis­tungs-Samen die Bio­di­ver­si­tät verringern

Im Laufe der letzten Jahr­hun­der­te ist ist durch lei­den­schaft­li­che Züch­tungs­ar­beit eine wahn­sin­ni­ge Vielfalt an Kul­tur­pflan­zen ent­stan­den. Aller­dings hat sich die kon­ven­tio­nel­le Land­wirt­schaft immer mehr auf beson­ders ertrag­rei­che Sorten fokus­siert. So sind mitt­ler­wei­le zahl­rei­che Sorten teil­wei­se unwie­der­bring­lich ver­schwun­den. Viele Samen bedroh­ter Sorten lagern in Samen­da­ten­ban­ken. Das kann für viele Sorten die letzte Rettung sein.

Sprossen Ziehen: Ein Sprossenglas steht auf einem weißem Teller. Im Glas sind gekeimte Radieschen Sprossen.

Etwa 75 Prozent der Nutz­pflan­zen sind bereits für immer verschwunden. 

Quelle: FAO

Diese Mono­to­nie macht sich auch auf deut­schen Äckern bemerk­bar. Laut der Bun­des­an­stalt für Land­wirt­schaft und Ernäh­rung (BLE) füllen Weizen, Gerste, Mais, Raps und Roggen drei Viertel der Acker­flä­chen. Vielfalt sieht in meinen Augen anders aus. Zahl­rei­che alte Getrei­de­sor­ten wie Kamut oder Emmer sind heute Aus­nah­men auf den Feldern.

Samen­fes­te Sorten nach­fra­gen: Was wir für mehr Vielfalt tun können

Da es nicht genügend samen­fes­tes Saatgut gibt, sind Hybrid­sor­ten auch in der bio­lo­gi­schen Land­wirt­schaft ver­tre­ten. Aller­dings wird hier bereits viel für die Züchtung samen­fes­ter Sorten getan. Im Biomarkt findest du außerdem häufig den Hinweis “samen­fest” auf den Schil­dern von Obst und Gemüse – vor allem bei Karotten. Auch auf den Eti­ket­ten von Säften und Toma­ten­mark wird auf die Ver­wen­dung samen­fes­ter Sorten hin­ge­wie­sen. Mit dem Kauf dieser Produkte können wir als End­ver­brau­cher ein Zeichen setzen. Falls du auf der Suche nach Saatgut für deinen Balkon oder Garten bist, kaufe bio­lo­gi­sches Saatgut – am besten mit demeter-Zer­ti­fi­zie­rung. Dieser Anbau­ver­band zer­ti­fi­ziert nämlich aus­schließ­lich samen­fes­tes Saatgut. Demeter-Saatgut findest du zum Beispiel bei Rankwerk* oder in Bioläden.

Saatgut – mein Fazit

Dir raucht gerade ordent­lich der Kopf? Will­kom­men im Club. Je tiefer ich in diese Materie ein­stei­ge, desto inten­si­ver schüttle ich meinen Kopf. Wie wahn­sin­nig komplex das Thema ist, hätte ich nie gedacht – dabei habe ich den Gen­tech­nik-Topf noch nicht mal geöffnet. Trotzdem: Wir dürfen uns davon nicht abschre­cken lassen. Wissen ist Macht. Das wird mir immer wieder bewusst. Nur wenn wir das Wissen haben, können wir Systeme hin­ter­fra­gen. Beim Thema Saatgut sitzen wir als Ver­brau­che­rIn­nen natür­lich ganz am Ende. Und trotzdem können wir durch unseren Einkauf die Nach­fra­ge nach samen­fes­ten Sorten steigern.

 

Apropos Bio­di­ver­si­tät, in diesem Artikel habe ich bereits erklärt, warum Bio Land­wirt­schaft für die Arten­viel­falt so wichtig ist.

 

Foto: Verena Müller 


Weitere Quellen:

https://schrotundkorn.de/lebenumwelt/lesen/Saatgutmarkt.html
https://www.boelw.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Pflanze/180518_BOELW_Position_Pflanzenzuechtung.pdf
https://www.demeter.de/sites/default/files/richtlinien/richtlinien_pflanzenzuechtung_gesamt.pdf

 

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