“Heute geh ich noch zu meiner Therapeutin”, so frei und offen kommunizieren können, wie “Später will ich noch zum Sport”, ist nicht selbstverständlich. Leider. Trotz großer Dynamik und positiver Entwicklungen sind psychische Erkankungen noch immer mit einem ordentlichen Tabu besetzt. Warum ich davon genug habe und mein Resümee nach fast 10 Jahren Psychotherapie 

Irgendwie ist es schon komisch: Einerseits werden Leute, die zum ‘Seelenklemptner’ gehen, belächelt. Andererseits ist es mittlerweile auch in Deutschland Gang und Gäbe, einen Coach oder Mentor zur Seite zu haben. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diesen Beitrag schreiben soll … es fällt mir nicht leicht darüber zu sprechen… – so in der Art hätte ich bis vor kurzem noch dem Tabu entsprechend diesen Beitrag begonnen. Als ich vergangenen Mittwoch zum letzten Mal die Praxistür meiner Therapeutin ins Schloss fallen ließ, wusste ich sofort, dass ich darüber schreiben möchte. Ich habe nicht lange darüber nachgedacht (okay, vielleicht zweimal) und nein, es fällt mir nicht schwer.

Das erste Mal saß ich im Sommer 2009 einer Therapeutin gegenüber. Damals war ich knapp 15 Jahre alt. In der folgenden Zeit kamen sechs feste Therapeutinnen und weitere Beratungs-/Erstgespräche zusammen. Acht Monate war ich in stationärer Behandlung, der Rest fand ambulant statt. Dieser Beitrag bezieht sich hauptsächlich auf meine Erfahrungen in ambulanter Betreuung. In der Summe müsste ich zwischen 400 und 500 Therapiesitzungen wahrgenommen haben. Bei einer Neuvorstellung hätte ich irgendwann am liebsten eine Kassette mit einer Zusammenfassung meines bisherigen Lebens und meiner Krankheit abgespielt. Warum ich genau Therapie gemacht habe, kannst Du ganz ausführlich im Podcast von Kira Siefert anhören – kurz gesagt: Depressionen, Ess-, Angst- und Persönlichkeitsstörungen.

Meine Erfahrungen mit Psychotherapie

Therapeut*in ist nicht gleich Therapeut*in. Wie in jeder Berufssparte gibt es solche und solche. Ich habe vieles erlebt. Viel davon war positiv, einiges auch negativ und mache Sachen in meinen Augen sehr merkwürdig. Zum Beispiel wurde mir in einem Erstgespräch geraten, ich solle Bier und Schinken kaufen (Fleisch entspräche Begierde) und mit jemandem zu schlafen. Äh ja, danke für die Hilfe. Auch wenn ich mitunter schlechte Erfahrungen gemacht habe, würde ich jedem, der überlegt eine Therapie zu beginnen, grundsätzlich nicht davon abraten, sondern eher dazu ermutigen.  Man sollte auf jeden Fall Erstgespräche bei verschiedenen Therapeuten wahrnehmen. Diese sind unverbindlich und werden grundsätzlich von der Krankenkasse übernommen. Bei mir wurden alle Therapien bis heute zu 100% von meiner (gesetzlichen) Krankenkasse übernommen. Das muss aber natürlich immer im Einzelfall geklärt werden.

Warum eine Therapie beginnen? 

Meiner Meinung nach kann man sich alleine nicht vergleichbar reflektieren. Dieser Effekt ist bereits in einem lockeren Gespräch mit dem*r besten Freund*in zu bemerken – plötzlich sieht man etwas aus einer völlig anderen Perspektive bzw. fühlt sich erleichtert, weil man es “losgeworden” ist. Das ist unter anderem auch der Grund, warum sich viele Menschen einen Life-Coach zur Seite nehmen.

Zwei wichtige Erkenntnisse 

Zu Beginn hatte ich lange die Überzeugung, dass mich die wöchentlichen Therapiesitzungen gesund machen. Frei nach dem Motto: Ich gehe hin und der Therapeut sagt mir, was zu tun ist, und dadurch geht mir besser – ähm nein. In den ersten Jahren war ich einfach nur froh, jemanden außerhalb meines Alltags zum Reden zu haben. Ich konnte all meine ‘komischen’ Gedanken, Empfindungen und Verhaltungsweisen aussprechen und wurde dafür nicht verurteilt. Außerdem habe ich schonmal fast zwei Jahre gebraucht, bis ich wusste, warum ich eigenltich erkrankt bin. Im Grunde kann man sich oft nur selbst helfen. Psychotherapie bedeutet für mich deshalb auch Hilfe zur Selbsthilfe. Ein weiterer Knackpunkt ist auf jeden Fall, dass man selbst WIRKLICH bereit sein muss, etwas zu ändern und aktiv an sich zu arbeiten. Ja das ist anstrengend, langwierig und man muss viele Rückschläge einstecken.
Im Bereich psychischer und psychosomatischer Erkrankungen finde ich es sehr schwierig grundsätzliche Ratschläge zu geben. Jeder ist anders und jedes Krankheitsbild hat so viele verschiedene Ausprägungen. Außerdem gibt es verschiedene therapeutische Arbeitsweisen. Hier lassen sich beispielsweise Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie oder analytische Therapie unterscheiden. Hier informierst Du Dich am besten selbst, da ich nur oberflächliche Kenntnisse habe und keine falschen Informationen verbreiten möchte.

Oft waren die 50 Minuten pro Woche einfach eine Auszeit. Manchmal habe ich verärgert die Stunde verlassen, weil ich mich total missverstanden fühlte und an anderen Tagen gingen mir gefühlt 1000 Lichter auf und ich konnte neue Zusammenhänge verstehen. Das war vor allem während meiner letzten Therapie der Fall. Diese ging vier Jahre lang.

Mein Fazit

Zurückblickend kann ich heute sagen: Durch meine Erkrankungen wusste ich nicht mehr, wer ich war, was ich wollte und wer ich sein wollte. Oft fühlte ich mich wie eine leere Hülle, die sich irgendwie durchs Leben quälte. Heute bin ich Verena. Ich bin stolz auf das, was ich bis jetzt erreicht habe, lebe (überwiegend) im Hier und Jetzt und freue mich auf die Zukunft. Ich bin eine offene, hilfsbereite Person, die gerne schreibt und sich für Nachhaltigkeit einsetzt. Ich bin höchst sensibel und muss mir meine Kräfte gut einteilen. Ich habe vielleicht intensivere Höhen und Tiefen und öfters mit gedrückter Stimmung zu kämpfen, als “normale” Menschen. Dennoch bin ich kein Alien (so wie ich es oftmals empfunden habe). Natürlich kenne ich die Gedanken, was wäre, wenn ich nicht erkrankt wäre. Allerdings hat mich meine Vergangenheit zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin und ich möchte kein anderer sein.

Alles Liebe
Verena